Wie das Ducktail den Porsche 911 prägte: Technik und Mythos

Porsche 911 Ducktail: Aerodynamik, Patent und Ikone
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Vom umstrittenen Keil zum Kult: Wie das Ducktail den Porsche 911 ab Carrera RS 2.7 mit Gurney-Flap aerodynamisch verbesserte – Patent, Modelle bis 992.

Das Ducktail gehört zu jenen seltenen Details am Auto, die als Scherz beginnen, wie eine Provokation aussehen und sich am Ende als reine Ingenieursleistung erweisen. Anfang der 1970er-Jahre tauchte es am Heck des Porsche 911 Carrera RS 2.7 auf – und intern herrschte alles andere als Einigkeit. Die Designer waren verblüfft, dass die klare, einfache 911-Silhouette durch einen keilförmigen Aufsatz auf der Motorklappe unterbrochen wurde. Vertriebsleute, die weltweit 500 Fahrzeuge platzieren sollten, sollen gezweifelt haben, ob sich überhaupt mehr als hundert verkaufen lassen. Aus dieser Mischung aus Kritik und Verwunderung entstand der Name, der bis heute bleibt: Ducktail – der verlängerte Bürzel eines watschelnden Wasservogels.

Hinter dem optischen Paukenschlag stand ein sehr praktisches Problem der damaligen Aerodynamik. Tilman Brodbeck, Luft- und Raumfahrtingenieur, der im Oktober 1970 bei Porsche anfing und zusammen mit Hermann Burst an dem später legendären Teil arbeitete, beschrieb die Ausgangslage nüchtern: Der 911 – wie viele Autos seiner Zeit – war im Prinzip wie ein Flügel geformt, unten relativ flach, oben gewölbt und zum Heck hin zulaufend. Eine solche Kontur erzeugt Auftrieb. Genau den konnte der 911 am wenigsten gebrauchen, denn zu viel Auftrieb schmälert die Performance und verhindert, dass Motor und Fahrwerk ihr Potenzial ausschöpfen.

Porsche 911 Sport Classic, 2022
Porsche 911 Sport Classic, 2022 / porsche.com

Es folgte Windkanal-Logik statt Legendenbildung. Die Messungen zeigten, wie groß der Auftriebsbeiwert am Heck tatsächlich war: 0,29 CL. Die Lösung kam in Form eines Gurney-Flap. In erstaunlich kurzer Entwicklungszeit senkte ein provisorischer Spoiler – aus Schweißdraht und dünnem Blech auf der Motorklappe aufgebaut – den Wert nach nur zwei Tagen Tests auf 0,08 CL, also um zwei Drittel. Außerdem verbesserte sich der Luftwiderstandsbeiwert, und die Höchstgeschwindigkeit stieg um 4,5 km/h auf 240 km/h. Auf dem Papier mag das bescheiden wirken; bei einem RS mit Motorsport-Fokus zählt jedoch jedes Zehntel – genug, um die meisten Kritiker verstummen zu lassen.

Das „Geburtsdokument“ des Ducktail ist nicht nur kulturell, sondern auch juristisch verankert. Porsche hält fest, dass es in der Patentanmeldung Nr. 2238704 verzeichnet ist, eingereicht beim Deutschen Patent- und Markenamt am 5. August 1972. Diese Zeile verbindet die Legende mit einem Datum, einer Akte und einer nachvollziehbaren Ingenieursgeschichte.

Dann geschah etwas Seltenes: Eine technische Lösung wurde zur Kultur. Laut derselben Porsche-Schilderung begeisterten sich Fans rasch sowohl für die schnellen Rundenzeiten als auch für den Heckspoiler – eine absolute Neuheit in der Welt der Serienfahrzeuge. Der Keil am Heck wurde zum Erkennungszeichen; das Ducktail avancierte zu einem ikonischen Bestandteil der 911-Erzählung: anfangs kritisiert, später gefeiert und seither präsent. Rückblickend wirkt der Bürzel so selbstverständlich, dass man die anfängliche Skepsis fast vergisst – ein gutes Zeichen dafür, wie überzeugend Form und Funktion hier zusammenfinden.

Porsche 911 Carrera RS 2.7
Porsche 911 Carrera RS 2.7 / porsche.com

Und es ist längst mehr als ein historisches Artefakt. Der aktuelle Porsche 911 Sport Classic (992) tritt ebenfalls mit Ducktail auf und ist weltweit auf 1.250 Exemplare limitiert. Für den 911 (991, 2013–2016) wird zudem ein originaler Porsche Sport Design‑„Ducktail“ über den Händler angeboten – ein Zubehör, das Optik und Dynamik schärft. Zusammengenommen ergeben diese Details ein vertrautes Muster: Wenn eine Form zum Symbol wird, kehrt sie in sorgfältig kuratierten Wellen zurück – mal als Statement einer limitierten Serie, mal als offizielles Angebot für Besitzer, die genau diese Silhouette wollen.

Die nüchterne Schlussfolgerung liegt nahe: Das Ducktail überdauert, weil es in zwei Sprachen überzeugt – in den Zahlen aus dem Windkanal und in der sofort erkennbaren Kontur. Es begann als umstrittener Keil, wurde zum Performance-Werkzeug mit dokumentierten Aerodynamikgewinnen, erhielt seinen Platz in einer Patentschrift und entwickelte sich schließlich zum Markenzeichen, das Porsche immer wieder aufgreift. So sieht „für die Ewigkeit“ im Automobildesign aus: ein Teil, das ein Problem löst und eine Geschichte erzählt.

Ethan Rowden

2025, Dez 09 08:34